23.09.09 | Gemäss der genetischen Veranlagung (unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler) spürt auch so mancher Weidmann den uralten Sammeltrieb in sich, wenn im Herbst auf dem Waldboden allerorten und üppig Pilze heranwachsen. Dann richtet sich sein wachsames Auge - in Vorfreude auf das leckere abendliche Pilzgericht aus der Pfanne - ganz gezielt auf diese Köstlichkeiten aus der freien Natur. So hatte auch Ferdinand Mengering von seinem Pirschgang einen ansehnlichen Korb voll der köstlichsten Pilze für die Seinen gesammelt und nach Hause getragen. Seine Gattin war schon seit dem Spätnachmittag damit beschäftigt, die Butterpilze und Pfifferlinge zu putzen und herzurichten.
Mengerings besassen auch eine Katze. Obwohl Katzen sich in Jägerfamilien nicht der grössten Beliebtheit erfreuen, hatte Ferdinand Mengering aus Rücksicht auf seine älteste Tochter dem Kauf eines solchen Schmusetiers doch zugestimmt, sodass Murkele in Wohnzimmer und Küche vollen Familienanschluss erhalten hatte. Sie bekam hier mal etwas Leckeres und da mal eine Köstlichkeit vom Tisch, wenn sie einem allzu sehr schnurrend um die Beine schlich. Meistens jedoch lag sie friedlich im Körbchen.
So blieb es auch an diesem Abend nicht aus, dass Murkele, als Frau Mengering das Pilzgericht zubereitete, ein paar köstliche Pilzstückchen mit in ihren Fressnapf bekam. Bald sass auch die gesamte Familie vereint am Abendbrottisch und liess sich die lecker zubereiteten Pilze schmecken.
Schliesslich, als alle schon ausgiebig gegessen hatten, entdeckte Mario, dass Murkele im Körbchen zunehmend unruhig wurde, sich krümmte und sich fortwährend hin- und herbewegte, als ginge es ihr nicht gut. Aller Augen waren auf die Katze gerichtet. Nicht lange, da wurde offenkundig, dass Murkele auch ein paar dieser köstlichen Pilze zum Futter dazubekommen hatte. Mit Blick auf die sich immer mehr krümmende und stöhnende Katze wurden aus den lecker zubereiteten Pilzen urplötzlich doch etwas seltsam schmeckende Pilze, und der Gedanke, dass vielleicht ein oder mehrere giftige dazwischen gewesen sein könnten, liess bei allen ein flaues Gefühl in der Magengegend aufkommen, sodass die angeblich so sicheren Pilzkenntnisse von Ferdinand Mengering unversehens zur Disposition standen.
Murkele schien es immer schlechter zu gehen. Als Mario schliesslich die Toilette ansteuerte, verkündete auch Tochter Silke, sie ässe kein weiteres Stückchen von diesem Pilzgericht. Mit Blick auf die Katze, die sich immer toller in ihrem Körbchen wand und drehte und dann wieder schachmatt dalag, schob schliesslich auch Frau Mengering den Teller zur Seite und gab zu verstehen, dass man mit dem Verzehr von Pilzen vorsichtig sein sollte, denn aus ihrer Kindheit sei ihr noch ein Fall im Gedächtnis, da eine ganze Familie sich mit einem Pilzgericht vergiftet habe. Auf keinen Fall solle man weiter davon essen, sondern lieber auf Nummer sicher gehen und den Rest des Pilzgerichts in der Krankenhausapotheke auf die Geniessbarkeit untersuchen lassen.
Nicht lange, da musste sich Ferdinand Mengering dem Familienrat beugen. Gemeinsam suchten alle das Krankenhaus auf. Da man hier so schnell auch keinen Rat wusste und es auch schwierig war, die gebratenen und verbrutzelten Pilze zu identifizieren, hingegen die Angelegenheit eilte, riet man dazu, alle Mägen auszupumpen. Diese nicht angenehme Prozedur liess die ganze Familie dann geduldig über sich ergehen.
Auf dem Heimweg hätte jeder geschworen, nie im Leben wieder Pilze essen zu wollen. Endlich wieder zu Hause, richteten sich alle Blicke auf Murkele, die man vergiftet im Katzenhimmel wähnte. Denkste! Im Körbchen lagen vier der süssesten kleinen Kätzchen. Dass Murkele fremdgegangen war und sich vor Wehenschmerzen gekrümmt hatte, darauf war nun wirklich keiner der Mengerings gekommen...
Aus dem empfehlenswerten kleinen Sammelband Karl Schulte-Wess: Unglaublich - aber wahr. Die besten Geschichten aus dem Jägeralltag; Verlag Neumann-Neudamm
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