27.11.09 | Der erste Ansitz am ersten Tag in einem neuen Revier ist immer einzigartig. Man freut sich unbeschreiblich darauf, da man sich seit der Planung der Jagdreise ausgemalt hat, wie es wohl sein wird im unbekannten Land und Revier mit dem andersartigen Wild. Der Hochsitz war etwa 500 m vom Waldrand entfernt in der Mitte einer kreuzähnlichen Lichtung. Unterholz und Schilfwuchs sorgten dafür, dass nur an ganz wenigen Stellen der Boden sichtbar war.
Schon beim Aufbaumen gegen drei Uhr röhrten zwei Hirsche. Ich hörte diese Musik zum ersten Mal. Ich hatte damals keine Ahnung, dass ich mich in den nächsten Tagen beim Pirschen mit dem Hirschfieber anstecken sollte. Die ersten zwei Stunden hatte ich keinen Anblick. Ich genoss den warmen Oktobernachmittag, die wunderbare Natur und lauschte den Klängen des Waldes. Plötzlich Bewegung! Ein Hirsch tauchte ohne vorgängiges Röhren oder verräterisches Knacken im Unterholz auf und querte ungefähr 70 Meter vom Hochsitz entfernt. Gerade mal 15 Sekunden hatte ich ihn im Feldstecher, bevor er wieder hinter schulterhohem Gestrüpp verschwand. Das Haupt mit Kopfschmuck lugte über dem Strauch hervor, und ich konnte ihn als ungeraden Zwölfer ansprechen. Vor lauter Staunen vergass ich, den Repetierer überhaupt hochzunehmen. Mir fielen die wundervolle rostrote Färbung der Decke auf und das majes-tätische Auftreten des Hirsches. In freier Wildbahn war ich noch nie so nahe an einen Hirsch heran gekommen. Noch leicht fröstelnd vom ersten Hirsch-Fieberschub nahm ich mir vor, diesen Waldabschnitt in den nächsten Tagen zu erpirschen.
Diana hat Wort gehalten!
Jetzt waren meine Jagdsinne wieder geweckt und geschärft. Kaum war der Hirsch entschwunden, hörte ich ein seltsames Blasen und Schnauben. Es klang ähnlich wie beim Schwarzwild, doch es war um ein Mehrfaches lauter. Ich träumte bereits davon, dass gleich mein Lebenskeiler austreten würde und war gänzlich unvorbereitet für das, was wirklich folgte. Nachdem das Schnauben und Blasen immer lauter wurde und zwei unterschiedliche Tonlagen entwickelte, trat ein pferdeähnliches Tier aus dem Geäst, deutlich erkennbar am starken Widerrist und den grossen Nüstern, aber mit etwas kurz geratenem Hals. Dann bemerkte ich, dass das vermeintliche Pferd ein Geweih trug und realisierte, dass ich meinen ers-ten Elch, nämlich einen Spiesser, betrachtete. Abgesehen von der Abbildung im Krebs («Vor und nach der Jägerprüfung», BLV, München) hatte ich noch nie einen Elch gesehen.
Vom Hirscherlebnis weise geworden, hatte ich bereits meine R93 mit Kaliber .338 im Anschlag und betrachtete den Elch durchs Zielfernrohr (Swarovski 2-10x50). Da hörte ich Diana mir ins Ohr flüstern: «Lass den Spiesser laufen, und ich werde dich reichlich belohnen...» So streckte ich den Finger wieder lang und beobachtete den Spiesser durch das Fernglas und die Kamera, bis er sich verabschiedete.
Kurz darauf tauchte er aber unverhofft wieder aus dem Wald auf, so dachte ich wenigstens. Irgendetwas stimmte an diesem Elch aber nicht mit dem vorangegangenen überein. Ich nahm das Fernglas zu Hilfe. Tatsächlich: Jetzt stand nicht mehr der Spiesser vor mir, sondern ein etwa angehender Schaufler (ungerader Achter). Diana hatte ihr Wort gehalten und mich für meine Geduld belohnt!
Der Schaufler liess sich alle Zeit der Welt und wechselte in den kreuzförmigen Schneisen hin und her, ohne je einmal wirklich gut zu stehen. Entgegen den Angaben im Krebs, wonach Elche nicht suhlen, habe ich den Schaufler beim parasitentötenden Schlammbad beobachtet. Auch durfte ich miterleben, wie der Schaufler mit den Vorderläufen ein Brunftbett schlug. Jetzt wurde mir klar, wieso ich beim Blasen zwei Tonlagen vernommen hatte.
Wie ich am nächsten Tag anlässlich der Hirschpirsch herausfinden sollte, hatten der Spiesser und der Schaufler keine 20 Meter von meinem Hochsitz entfernt im Unterholz geschlafen, als ich auf den Hochsitz aufbaumte, und erwachten vermutlich, als der oben beschriebene Hirsch vorbeizog.
Ein Stierkämpfer, ausgerüstet mit einem Taschenmesser
In der Zwischenzeit drohte mir der Schaufler zu entwischen, da er mittlerweile beinahe in der ungünstigsten, da dem Wind abgewandten Schneise angekommen war. Da er keine Anstalten machte, zu verhoffen, und nur noch wenige Meter fehlten bis zum Eintritt in den schützenden Wald, entschied ich mich entgegen meiner ursprünglichen Absicht, dem Schaufler die Kugel in der Bewegung anzutragen. Die ganze Zeit hörte ich den Brunftlaut des Schauflers, ein heiseres Stöhnen, das dem Jäger im Gegensatz zum Rotwild unspektakulär, fast erheiternd vorkommt. Durch die mächtigen Schultern und den stierartigen Träger des Schauflers fühlte ich mich trotz meiner .338 wie ein Stierkämpfer, der mit einem Taschenmesser loszieht. Ich zielte in den Träger und trug dem Schaufler die Kugel an. Der Elch lag im Feuer. Es war nicht das kleinste Dreschen oder Schlagen zu vernehmen. Ich repetierte und wartete. Dann stieg ich vom Hochsitz und schritt mit dem Herzen in den Hosen die rund sechzig Gänge ab bis zum vermeintlichen Anschuss. Aufgrund des hohen Bodenwuchses sah ich den Elch erst, als ich unmittelbar vor ihm stand.
KOMMENTAR SCHREIBEN
Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen.