27.11.09 | Widmer: Hab ich dir schon gesagt, was ich neulich genossen hab?
Suter: Vermutlich noch immer, dass du mich im Tennis knapp geschlagen...
Widmer: Ich hab ein gutes Stück Fleisch genossen.
Suter: Ausgerechnet du, der behauptet, die Fleischfresserei sei die grösste Umweltsünde, die Fleischproduktion sei etwas vom Gruusigsten, das Halten, Mästen und Schlachten von Tieren sei vom ethischen Standpunkt her...
Widmer: Dabei bleib ich, das sind meine Überzeugungen. Aber es war ein Gämspfeffer.
Suter: Das findest du besser? Vermutlich hast du das Tier noch gekannt, hast es im Sommer mit dem Feldstecher beobachtet, wie es gelben Enzian frass, hast geschwärmt von seinen perfekt gebogenen Krucken, seinem eleganten Steigen, seinem treuherzigen Blick...
Widmer: Mir tun vielmehr die Jäger leid.
Suter: ...und vermutlich irrt jetzt so ein verwaistes Kitz in steilstem Fels... Und warum bitte sehr tun dir die Jäger leid?
Widmer: Weils ein Sauchrampf ist...
Suter: Sauchrampf? Im Vierradchlapf ein Alpsträsschen hinaufblochen und warten, bis ein ahnungsloses Tier...
Widmer: Nein, aber es ist ein Sauchrampf, zu rechtfertigen, was sie tun.
Suter: Da kommen wir uns schon näher. Für mich sind Jäger eine verluderte Rotte von läufigen Platzhirschen, die sich allesamt im Bockfieber befinden und nur darauf warten, bis sie endlich wieder drauflosballern dürfen.
Widmer: So drastisch hätt ichs jetzt... aber du hast schon recht. Einerseits sind sie dagegen, dass sich Luchs, Wolf und Bär wieder breitmachen...
Suter: ...und nur, weil diese einen Teil ihrer Beute beanspruchen und weil das Abknallen schwieriger wird, wenn sich die gejagten Tiere wieder ein Fluchtverhalten antrainiert haben werden...
Widmer: ...und anderseits behaupten sie, sie, die Jäger seien da, um zu hegen, zu pflegen und zu regulieren.
Suter: Regulieren! Ha! Und in ihrem anderen Leben sind die Jäger womöglich Manager einer Bank und wehren sich gegen jede Form von Regulierung.
Widmer: Und machen sich auf die Jagd nach schnellst- und höchstmöglichen Profiten.
Suter: Genau besehen sind wir Schweizer doch ein einig Volk von Jägern. Alle jagen irgendetwas: Krankenkassen jagen günstige Risiken.
Widmer: Fussballclubs jagen Talente in Schwarzafrika.
Suter: Die Medien jagen Einschaltquoten...
Widmer: ... und erlegen vor allem Einschaltspinsel.
Suter: Rechtspopulisten jagen alles, was ihnen in einem 355-Grad-Radius vor die Flinte kommt....
Widmer: ...und alles, was sich nicht rückwärts bewegt.
Suter: Die PR-Agentur Farner jagt Aktivisten der GSoA.
Widmer: Immer neue Einkaufstempel jagen die immer gleichen Konsumenten.
Suter: Ganz, ganz viele jagen tagtäglich nach einem Stück Anerkennung und Wertschätzung...
Widmer: ... nach Rekorden und Spitzenleistungen...
Suter: ... nach Gewinnmaximierung und Bonifikationen...
Widmer: ... nach Bestätigung und Beifall.
Suter: Und eigentlich jagen wir alle dabei doch nichts anderes als dieses kleine Stückchen Glück im Alltag.
Widmer: Glück im Alltag – das ist ein gutes Thema. Darüber sollten wir uns mal unterhalten.
Suter: Weidmanns Heil!
Diese Glosse erschien in der «Basler Zeitung». Roland Suter ist Autor und Kabarettist; Freddy Widmer ist BaZ-Redaktor. Am liebsten bringen sie Lügner, Hochstapler und Wichtigtuer zur Strecke. Ihr Revier ist vor allem Basel und sein Alltag.
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