01.09.08 | Den Mann hören wir häufig am Morgen, wenn wir auf DRS 1 «Espresso» verfolgen, eine Konsumentensendung, die selbst nicht frei ist von Alarmismus. Er heisst Alex Reichmuth, ist geboren im symbolischen Jahr 1968, hat in Mathematik und Physik abgeschlossen und ein Nachdiplomstudium in Wirtschaft absolviert. Der Mann scheint etwas zu verstehen von dem, worüber er schreibt. Damit ist er im landläufigen Medienbetrieb schon eine Ausnahmeerscheinung.
Umso ernüchternder ist, was Alex Reichmuth zu etwa einem Dutzend aktueller Umweltdossiers zusammengetragen hat. Es sind alles Themen von hohem Reizwert und mit ständig wiederkehrender Medienpräsenz: Mobilfunkstrahlung, Amalgam, Trinkwasser, Acrylamid, Feinstaub,Asbest;sodann Themen mit hohem Hektik- und Panik-Potenzial (Vogelgrippe,Waldsterben) und schliesslich Tummelfelder übler, politisch unterlegter Polemik (grüne Gentechnik etc.).
Reichmuths Befund ist ernüchternd: «Geht man den angeblichen Bedrohungen auf den Grund, erscheinen viele Umwelt- und Gesundheitsskandale in einem anderen Licht. Die veröffentlichten Zahlen erweisen sich als fragwürdig, die beängstigenden Risiken als übertrieben, die Horrorszenarien als haltlos. Trotzdem tauchen immer wieder neue Schreckensmeldungen auf. Zu viele Akteure haben ein Interesse an ihnen: Umweltaktivisten, die um Aufmerksamkeit kämpfen;Politiker, die ideologisch argumentieren; Medien, die nach jeder‚ guten Geschichte’ greifen.» Wir bringen nachfolgend Alex Reichmuths Fazit zu drei Themen im Originalton, die Jägern besonders nahe gehen.
Vogelgrippe: unnötiger Aufruhr
Der Vormarsch der Vogelgrippe als Tierseuche nach Europa und in die Schweiz beherrschte im Herbst 2005 und im Winter 2006 die Schlagzeilen. Anlass für die überbordende Berichterstattung war die Angst vor einer möglichen Grippepandemie, die vom gleichen Virus ausgehen könnte. Das Auftreten der Tierseuche in Europa hatte zwar mit dem Risiko einer weltweiten Pandemie kaum etwas zu tun, aber in der öffentlichen Wahrnehmung wurden die beiden Aspekte vermischt. Dies führte zu panikartigen Reaktionen in der Bevölkerung: Einerseits gab es einen Ansturm auf die vorhandenen Grippemittel, andererseits mieden viele Leute Geflügelfleisch.
Als sich die Ankunft der Tierseuche in der Schweiz als wenig dramatisch erwies, verloren die Medien das Interesse und die Vogelgrippe verschwand rasch aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Das Risiko einer Grippepandemie besteht allerdings unverändert weiter.
Verursacht wurde der unnötige Aufruhr um die Tierseuche Vogelgrippe nicht durch ein ursprünglich vorhandenes Informationsbedürfnis der Öffentlichkeit oder allfällige Kommunikationsfehler der Behörden, sondern durch die äusserst intensive Berichterstattung in den Medien. Diese suggerierte dem Publikum, dass es sich bei der Ausbreitung dieser Tierseuche um eine gefährliche Entwicklung handle. Wegen dieser Fehlleitung der öffentlichen Aufmerksamkeit haben die Medien insgesamt in ihrer Aufklärungspflicht versagt.
Waldsterben: falsche Voraussage
Das in den Achtzigerjahren vor allem in Deutschland und in der Schweiz prophezeite Waldsterben hat sich als falsche Voraussage herausgestellt. Auch der einst als bewiesen dargestellte Zusammenhang der Waldschäden mit der Luftverschmutzung konnte nicht hinreichend bestätigt werden. Der Grund für dieses Prognose-Fiasko der Umweltbewegung lag zu einem wesentlichen Teil darin, dass Wissenschafter, Politiker und Umweltschützer das Phänomen «Waldsterben» kaum kritisch hinterfragten: Die Schäden und die vermutete Ursache Luftverschmutzung wurden vorschnell zu Tatsachen erklärt – weil sie dem gängigen Klischee entsprachen, die Natur gehe wegen der Menschen zugrunde.
Kritische Einwände wurden überhört und übergangen. Wer zur Vorsicht gegenüber Untergangsprognosen mahnte, wurde öffentlich abgekanzelt.
Die Auseinandersetzungen um das Waldsterben haben einerseits zu deutlichen Fortschritten bei der Luftreinhaltung geführt, andererseits aber auch zu einem Vertrauensverlust der Bevölkerung gegenüber Wissenschaft und Politik. Die gesellschaftlichen Vorgänge rund um das Waldsterben wurden gesellschaftlich kaum aufgearbeitet.
Nachdem man im links-grünen Lager teilweise noch jahrelang von der Vorstellung des sterbenden Waldes überzeugt war, obwohl die Wissenschaft ihre Einschätzungen bereits revidiert hatte, ist das Thema heute auch politisch erledigt. Allerdings nur oberflächlich: Bei jeder möglichen Gelegenheit, etwa wegen Stürmen oder Klimawandel, greifen Umweltbewegte wieder auf die alten Horrorszenarien zurück und warnen erneut vor dem Untergang des Waldes.
Klima: ideologisch verzerrt Gemäss dem Weltklimarat IPCC ist die beobachtete Erwärmung der Erde mit hoher Wahrscheinlichkeit durch den Menschen verursacht. Es muss in diesem Jahrhundert mit einer weiteren Temperaturerhöhung gerechnet werden, was zu grossen Problemen auf der Welt führen könnte. Ganz klar: Der Klimawandel und seine Auswirkungen sind eine ernsthafte Angelegenheit und die Herausforderung.
Um die Folgen dieses Klimawandels abzuschätzen, ist eine unvoreingenommene Sicht auf die Fakten notwendig. Diese Sicht ist aus ideologischen Gründen allerdings oftmals verstellt und verzerrt: Einerseits stellen viele Akteure das Ausmass des Klimawandels übertrieben dar und richten den Blick auf schaurige, aber unwahrscheinliche Szenarien. Daneben gibt es eine gesellschaftliche Tendenz, alle aussergewöhnlichen Wetterlagen als direkte Folge des Klimawandels zu deuten, auch wenn dies sachlich unsinnig ist.
Geradezu in Mode gekommen ist es, alle erdenklichen negativen Phänomene in einen Zusammenhang mit dem Klimawandel zu setzen. Zu erwartende positive Auswirkungen der Erderwärmung werden dagegen meist ausgeblendet und übergangen – sie passen nicht ins moralisch geprägte Bild der Klimakatastrophe als Folge lasterhaften Verhaltens. Schliesslich herrscht auch bei den möglichen Reaktionen auf die Erderwärmung Einseitigkeit vor: Die Reduktion der Treibhausgasemissionen gilt als einzige Handlungsoption. Naheliegende oder mögliche Anpassungen an die Veränderungen des Klimas werden dagegen oft nicht einmal in Erwägung gezogen.
Über die Massnahmen gegen die Erderwärmung und ihre Folgen darf jedoch nicht nach ideologischen Gesichtspunkten entschieden werden. Nötig ist, dass Gesellschaft und Politik die Wirksamkeit der infrage kommenden Reaktionen nach objektiven Kriterien abwägen und insbesondere einer Kosten - Nutzen-Analyse unterstellen.
Alex Reichmuth:Verdreht und hochgespielt.
Wie Umwelt- und Gesundheitsgefahren instrumentalisiert werden.
312 Seiten, ISBN 978-3-03823-410-4;
Fr. 38.--,
Verlag Neue Zürcher Zeitung
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