03.09.08 | Voller Bewunderung blicken wir auf die Berufsgattung der Ethiker, denn manche von ihnen scheinen Experten für alles zu sein. Dr. Klaus Peter Rippe zum Beispiel, Privatdozent für praktische Philosophie an der Universität Zürich, ausgestattet mit permanenten Lehraufträgen an der Fachhochschule Nordwestschweiz (Wirtschaftsethik) und an der VetSuisse, den veterinärmedizinischen Fakultäten Bern und Zürich (Tierethik), weist sich über ein breit gefächertes Tätigkeitsfeld aus. Er befasst sich mit Sterbehilfe (Ethikkomission von «Exit»), Impfinformation, Pflege von Demenzkranken und Biotechnologie im ausserhumanen Bereich. 2006 hat er die Schulleitung des «Instituts für Philosophie und Ethik - Fritz Allemann Stiftung» übernommen. Derzeit nimmt er noch eine Vertretungsprofessur an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe wahr und ist Präsident der Eidgenössischen Ethikkommission für Biotechnologie im ausserhumanen Bereich und der kantonalen Tierversuchskommission Zürich.
Dass ein so vielseitig beschäftigter Herr und gewichtiger Marktteilnehmer in der seit einigen Jahren stark wachsenden Ethikindustrie noch die Zeit findet, sich mit Jagd und Jagdethik zu befassen, sollte uns mit stiller Bewunderung und Dankbarkeit erfüllen! Dass seine Hervorbringung pünktlich zum Beginn der Bündner Jagd erschienen ist, werten wir als Zeichen seines besonderen Gefühls für das richtige Timing.
In der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 1. September hat Prof. Rippe also zu Protokoll gegeben, er halte Jagd nicht für natürlich und finde manche Argumente für die Jagd eine «widersprüchliche Selbstrechtfertigung». So sehe er etwa in den Jägern keine Anwälte der Tiere: «Ein Anwalt treibt seine Klienten nicht durch die Gegend, um sie schliesslich abzuschiessen.» (Also, Herr Professor, ich kenne da Anwälte... Aber das nur am Rande.)
Den Abschuss von Bären und Wölfen hält der Wissenschafter, der immerhin als Präsident der entsprechenden Fachgremien die Massstäbe setzen hilft, wenn es um wissenschaftliche Tierversuche geht, für ethisch nicht gerechtfertigt, «es sei denn, ein Tier falle einen Menschen an.» Eine exakte Wissenschaft scheint Ethik nicht zu sein, sonst hätte uns Prof. Rippe sicher noch verraten, ob der zulässige Abschuss vor oder während oder nach dem allfälligen Anfallen bzw. Ableben eines Menschen zulässig wäre. Die Bezeichnung «Problembär» «zeuge von einer nicht vorhandenen Lernhaltung», belehrt uns der Ethiker weiter. Aber auch hier bleibt offen, ob damit die Lernhaltung des Bären oder seines Erlegers gemeint ist. Offenbar wimmelt es nicht nur in der Jagdszene von «missverständlichen Begrifflichkeiten», wie Prof. Rippe klagt, sondern auch bei Ethikern und im leicht angeschlagenen Zentralorgan des zürcherischen Bildungsbürgertums sowieso. Früher war die NZZ einmal berühmt für intellektuelle Schärfe, skeptische Distanz und präzise Nachfragen. Aber das muss schon lange her sein...
Einmal vorausgesetzt, Wissenschaft - also auch Ethik mit wissenschaftlichem Anspruch - sei einem gemeinschaftsdienlichen Zweck untergeordnet: Was lernen wir fürs Leben, wenn wir in der gebotenen Demutshaltung den weisen Worten des polyvalenten Herrn Professors lauschen? Vor allem wohl, dass alles relativ ist, auch die Jagdskepsis des Herrn Prof. Rippe. Jagdethik, wie wir sie seit Generationen als Überlieferung und «best practice» pflegen, ist ihm suspekt, und als Beleg führt er an, dass der Verzicht auf Hilfsmittel (Scheinwerfer, Nachtsichtgeräte) die Jagd kaum moralischer mache. «Im Gegenteil: Erhöhe ein Hilfsmittel die Treffsicherheit, sei dessen Einsatz aus tierethischer Warte zu begrüssen.» Können wir eigentlich unterschreiben, Herr Professor, auch wenn Sie im nächsten Satz die Jagd auf die gleiche Stufe stellen «wie die Stierhatz oder Hundekämpfe». Nicht wirklich widersprechen wollen wir dem Weisen auch, wenn er die Übernutzung der Landschaft als das eigentliche Problem der Wildtiere in der Schweiz bezeichnet und zur Auffassung neigt, «dass Wildtiere in der Schweiz Nutztiere in sehr grossen Gehegen» seien.
Bevor wir aber in unserem unbelehrbaren Zynismus die Hervorbringungen der angewandten Rippe'schen Ethik als hochtouriges Geschwurbel im Leerlauf bezeichnen, versöhnen wir uns schnell mit ihm und seiner Wissenschaft, denn der Professor outet sich im letzten Satz des merkwürdig kritiklosen NZZ-Artikels als ein gmögiger und geerdeter Typ, der mit seiner hedonistischen Argumentation wohl an jedem Aserfeuer willkommen wäre. Und einmal mehr wird uns geoffenbart, dass die Versöhnung der ideologischen Gegensätze oft am verlässlichsten auf der Grundlage der Kochkunst und der Tafelkultur stattfindet.
«Wie aber hält er es selber mit dem Fleischessen? Mit Blick auf seinen Bauch meint er: 'Es schmeckt mir. Ethisch begründen kann ich aber nicht, wieso ich Tiere esse.'»
En Guete, Herr Professor. Pardon: Mahlzeit!
Karl Lüönd
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