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Jagd & Umwelt - Nachwuchs Förderung

Wird die Jägerausbildung unterschätzt?

In den vergangenen Jahren habe ich den Eindruck gewonnen, dass in vielen Revierkantonen zu viel von der Jägerprüfung gesprochen wird und die Ausbildung zum Jungjäger häufig vernachlässigt wird.

26.01.12 | Man bereitet sich zielbewusst auf das Bestehen der Jägerprüfung vor und vergisst dabei, dass wir im jagdlichen Alltag von unserem in der Jungjägerzeit angeeigneten, praktischen und theoretischen Jagdwissen «leben».

 

Die jagdpraktischen Mängel kommen auf den Gemeinschaft Jagen wie auch in Diskussionen zum Vorschein. Es sollte heute noch der Ausbildungsgrundsatz gelten, dass man nicht allein auf die Prüfung lernen soll; die zukünftige Jagdausübung sollte bedeutend wichtiger sein. Auf dieses komplexe Ziel hin muss gearbeitet werden.


Der Unsinn der modernen Jagdkurse


In vielen deutschen Jagdzeitschriften werden dreiwöchige Kompaktlehrgänge zur erfolgreichen Absolvierung einer staatlich anerkannten Jägerprüfung zum Preise von ca. 1000 Euro angeboten. «Werden Sie Jäger und nicht nur Jagdscheininhaber » sind Schlagzeilen, und die offerierten mehrwöchigen Kurse garantieren angeblich «fundierte praxisbezogene Ausbildung in unserer Eigenjagd »! In meinen Augen kann man in dieser Zeitspanne – überspitzt ausgedrückt – das «Erschiessen von Wildtieren» üben; nicht einmal eine Einführung in die Jagd ist dabei jedoch möglich!


Persönlich bin ich ein vehementer Gegner dieser «Schnellbleiche-Kurse»; sie passen jedoch ausgezeichnet in unsere heutige schnelllebige Zeit, wo man für nichts und gar nichts mehr Zeit aufwenden will, schon gar nicht für die praktische Jagdausbildung. Selbstverständlich will man zielgerichteter sich ausbilden lassen und «Ballastausbildungsthemen » zum vornherein beiseite lassen. Man geht in gewissen Kreisen jedoch eindeutig zu weit. Bereits bei der Ausbildung wird vorwiegend der Zielsetzung nachgelebt, wonach die heutige Jagd primär schadenstiftendes Schalenwild erlegen soll.

 

Gewisse, allenfalls traditionelle Themenkreise wie vertiefte Wild- und Jagdkunde muss ein zukünftiger Jäger nicht mehr lernen. Die frühere Ansicht, wonach ein Jäger über die bedeutenden einheimischen Wildtiere und Vögel sowie einige Grundsätze der Jagdausübung ein Minimalwissen verfügen muss, ist in dieser Lesart offensichtlich veraltet. Man arbeitet auf die bekannten Fragen der Prüfungsexperten hin. Das praktische und theoretische Jagdwissen ist Nebensache.


Im Gespräch bestätigen mir einige Experten von Jägerprüfungen diese Entwicklungen. Ich hätte mir jedenfalls früher nie vorstellen können, dass Kandidaten, welche einen Spaniel und einen Jagd-Terrier voneinander nicht mehr unterscheiden können bzw. keine (!) einheimische Schwimmente erkennen, erfolgreich durch eine Jägerprüfung gekommen wären.


Ausbildung wichtiger als Prüfung


Während ihrer Ausbildungszeit versuchen die Kandidaten zielgerichtet zu lernen, was für ein erfolgreiches Bestehen der Jägerprüfung notwendig ist. Diese Absicht ist aus der Sicht des Kandidaten legitim. Für die Erhaltung einer weidgerechten zukünftigen Jagd ist diese Haltung jedoch äusserst gefährlich, denn plötzlich haben Leute das Sagen über die Jagd, welche – überspitzt ausgedrückt – das unbestrittene Elementarwissen über die Jagd gar nicht mehr kennen und selbstverständlich auch nicht mehr danach leben.

 

Ich sehe in der Beobachtung, wonach in vielen Jägeraugen allein Abschüsse zu einem Jagderlebnis zählen, bereits ein erstes Anzeichen. Man kann sich ab und zu des Eindruckes nicht erwehren, dass das Naturerlebnis und Wildbeobachtungen für Jungjäger immer mehr an Bedeutung verlieren. In guten Wildbeständen sieht man auch als Jäger allein noch die sich bietenden Abschüsse und allenfalls noch die Diskussionen rund um den Wildschaden


Öffnen wir den zukünftigen Jägern allenfalls zu wenig die Augen für die Wahrnehmung der verschiedensten Naturerlebnisse? In der heutigen Zeit gehört offensichtlich auch das bewusste Erleben unserer Natur nicht mehr zur Jagd; ein mehrstündiger Nachtansitz bringt einem Naturfreund – wir Jäger bezeichnen uns bekanntlich häufig so – doch enorm viel Tiererlebnisse. Auch wenn der in vielen Augen krönende Abschuss nicht erfolgen konnte, der Ansitz war mit dem Beobachten der Tiere trotzdem ein Erlebnis. 


Naturwahrnehmung als Ausbildungsziel


Unsere Ausbildung muss wieder vermehrt darauf ausgerichtet werden, dass die Jungjäger unsere Natur wahrnehmen und lernen, diese zu erleben. Man wird mir nun entgegnen, dass dies nach absolvierter Jägerprüfung vorgenommen werde könne. Dieser Ansicht lebte ich vor Jahren ebenfalls nach; die Praxis zeigt mir jedoch eine andere Seite auf. Die grosse Mehrheit der Jungjäger gehen nach absolvierter Jägerprüfung jedoch ihre eigenen Wege mit den bekannten jagdgesellschaftlichen Schwerpunkten persönlicher Prägung.


Diskussionen über neue Jägerprüfungen zweitrangig


Ich bin durchaus der Ansicht, dass man über die verschiedenen Modelle der Jägerprüfungen diskutieren soll. Nach den Erfahrungen aus der vergangenen Zeit ist jedoch viel bedeutsamer, über die Ausbildung unserer angehenden Jäger nachzudenken und grundsätzlich zu überlegen, wie wir den jagdinteressierten Personen unser edles Weidwerk näherbringen können, sodass diese in ihrem jagdlichen Alltag aus innerer Überzeugung der Weidgerechtigkeit nachleben.


Die Jagdausbildung soll schliesslich nicht allein auf Abschüsse ausgerichtet sein. Unsere zukünftige Jagd kann nicht primär von der Jägerprüfung geformt werden. Bei der Ausbildung zum Jäger müssen alle früher wie heute gültige Grundsätze der weidgerechte Jagd beim Kandidaten zum Nachleben vermittelt werden.


Auch hier höre ich bereits Vorwürfe, wonach diese Vorstellungen typisch für einen «alternden Jagdmoralisten» seien. Diesem Vorwurf entgegne ich kurzerhand mit der Feststellung, dass allein auf dem Papier der Weidgerechtigkeit dienen zu wollen langfristig mit Sicherheit nicht genügt und zu Recht von der Öffentlichkeit nicht mehr akzeptiert wird. Diese Weidgerechtigkeit gegenüber Wildtieren muss in jedem Fall weit über dem Erfüllen von Abschusszahlen zur Verhinderung der Wildschäden stehen. Für diese anspruchsvollen Zielsetzungen genügen die heutigen Ausbildungsmöglichkeiten der Jungjäger nicht – auch in der praktischen Ausbildung muss ein weiterer Schritt getan werden.


Ausbildungs-Jagdrevier für Jungjäger


Bereits in den Neunzigerjahren habe ich im Kanton Zürich einen Entwurf für die Ausscheidung eines Ausbildungs-Jagdreviers für Jungjäger ausgearbeitet. In diesem jagdlich guten Revier mit einigen Dutzend Abschüssen pro Jahr müsste ausschliesslich die Jungjäger unter Anleitung erfahrener Jagdpraktiker das jagdliche Handwerk erlernen können.

 

Selbstverständlich steht und fällt die Bedeutung dieses Versuchsreviers mit der Ausbildungscrew; selbsternannte Jagdexperten mit auch nur einem minimalen Drang zur Selbstdarstellung haben hier nichts verloren. Der Zeitpunkt für eine zentrale Ausbildung der zukünftigen Jäger ist z.B. im Kanton Zürich mit den Diskussionen über einen neuen Schiessstand mehr als günstig; die verschiedensten Kombinationen zwischen Ausbildungsrevier und Jagdschiessstand kann man sich hier vorstellen. Übrigens – mit einer modernen Jagdschiessanlage allein garantiert man zudem noch keine umfassende Jagdausbildung.


Der Zoologe, Jäger und Hundeführer Max Straub war während mehr als 30 Jahren Fischerei- und Jagdverwalter des Kantons Zürich.


Autor: MAX STRAUB




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