26.01.12 |
Wie begegnet die nicht jagende Mehrheit der Schweizer Bevölkerung der Jagd? Am 8. Dezember hatte ich ein Erlebnis, das ich für typisch halte und das diese Frage mindestens ebenso schlüssig beantwortet wie eine teure Marktforschungsstudie.
Ich war Gast in einem wunderschönen Thurgauer Jagdrevier und hatte das Glück, ein Geisskitz erlegen zu können. Das Tier war sogar so nett, auf der breiten Waldstrasse, auf der ich gekommen war, liegen zu bleiben und damit den späteren Abtransport zu erleichtern. Deshalb trat ich auch nicht sofort an das erlegte Stück, sondern verfolgte von meinem Stand aus das Treiben weiter, das eben erst begonnen hatte.
Etwa fünf Minuten nach meinem Schuss kam eine Gruppe von Wanderern – acht Männer und Frauen in fortgeschrittenem Alter – des Weges. Natürlich sahen sie das tote Reh. Ich stand etwa 30 Meter unterhalb in einer leicht abschüssigen Halde.
Einer der Männer rief: «Weidmannsheil!» _Ein anderer bemerkte fachkundig: «S isch es Jungs, das git en zarte Rehrugge!» _ Da meldete sich eine der Frauen in anklagendem Ton: «Isch doch schad! So-nes schönsTierli! Dass die das eifach törfed ...!» _ Fünf von achthaben nichts gesagt.
Ich habe bei dieser Gelegenheit wieder einmal gelernt: Jagd und Jäger werden hierzulande mit einer Mischung aus Neugier, Befremden und Misstrauen wahrgenommen. Letzteres sicher deshalb, weil Jagen halt das Töten einschliesst. Umgekehrt freut sich jeder, der nicht Vegetarier ist, über das schmackhafte Wildbret. Da die Gruppe frohgelaunt weiterzog, kann ich im Weiteren folgern: Jagd wird von der grossen Mehrheit der Schweizer Bevölkerung mit wohlwollender Gleichgültigkeit wahrgenommen, unterlegt von etwas Scheu und deutlichem Misstrauen. Immerhin: Fünf von achthaben geschwiegen!
Alle demoskopischen Erhebungen und kantonalen Abstimmungen – wie kürzlich im Aargau – bestätigen in etwa das folgende Meinungsbild: _ Etwa zwei Drittel der Bevölkerung haben nichts mit der Jagd am Hut, aber auch nichts gegen sie. Sie sagen: Nichts für uns, aber wenn du Freude daran hast, dann wohlan. Diese Gleichgültigkeit wurzelt in der zutreffenden Annahme, die Jagd sei ja hinreichend reguliert und den Jagenden werde schon auf die Finger geschaut. _ Der Rest – plus/minus fünfzehn Prozent auf jeder Seite – ist ausgesprochen jagdfreundlich beziehungsweise ablehnend bis militant jagdfeindlich eingestellt. Soweit man mit der letzteren Gruppe ins Gespräch kommt, beruht die Ablehnung häufig auf negativen persönlichen Erlebnissen mit Jagd und Jägern.
Aus diesem Meinungsbild ergibt sich: Die wohlwollende Gleichgültigkeit der grossen Mehrheit ist nur von Dauer, wenn die Jäger ihre Passion kompetent, transparent und verantwortungsvoll ausüben. Neben Integrität ist Kompetenz der wichtigste Garant für das Weiterbestehen der Jagd. Kompetenz entsteht durch Aus- und Weiterbildung. Deshalb ist das erste einheitliche Schweizer Jagd-Ausbildungsbuch, das am 18. Dezember in Chur freudig begrüsst wurde (vgl. Seite 8) so wichtig. Erstmals gibt es ein gesamtschweizerisch gültiges Jagdlehrmittel – besonders wichtig: auch über die Systemgrenzen hinweg.
Die Konferenz der kantonalen Jagd- und Fischereiverwalter gibt es erst seit wenigen Jahren. Dieses Buch ist ihr erster nach aussen sichtbarer Auftritt. Ich wage zu hoffen, dass diese hohen Tiere in Zukunft noch weitere Fährten legen und dass diese in die gleiche Richtung gehen. Wir brauchen zum Beispiel eine gegenseitige Anerkennung der Jagdfähigkeitsausweise und eine Vereinheitlichung der kantonal geforderten Bedingungsschiessen und der entsprechenden Ausweise.
Auch der Dachverband Jagd Schweiz hat sich an der Präsidentenkonferenz vom 9. Dezember einmütig hinter diese Forderungen gestellt (Näheres siehe S. 81). Die Schweizer Jagd braucht um ihrer Glaubwürdigkeit willen mehr solche Gemeinschaftswerke wie dieses schöne Buch und dafür weniger Bürokratie und Kantönligeist.
Mit Weidmannsheil und sehr herzlich © 2011 BOP http://www.bushnell-europe.eu
Ihr Karl Lüönd
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