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Biologie und Jagdtechnik - Wildbeobachtung

Sind die Rehe in den Patentkantonen stärker?

Jan van Spyk hat in J&N 5/08 beklagt, dass die Rehe in den Revierkantonen immer geringer werden. Unser Mitarbeiter bestätigt dies anhand langjähriger Beobachtungen im Engadin. Hängt das etwa mit den längeren Ruhezeiten zusammen, die das Patentsystem dem Rehwild gönnt?

Der kapitale Bock des Autors aus dem Engadin.

Friedlich äst der Bock im Bündner Bergwald.

Ricke mit Kitz

01.09.08 | Wenn ich an meine Bubenzeit zurückdenke und die Jagdgepflogenheiten meines Vaters und seiner Kameraden wachrufe, so meine ich, sie hätten auch nicht alles falsch gemacht! So waren sie nie vor dem August auf einen reifen Bock aus, und alle freuten sich so sehr auf die laute Jagd im Herbst, dass die meisten den ganzen Sommer hindurch praktisch nie zum Stutzer griffen.

 

Das mag wohl nicht ganz der heutigen Verpflichtung gerecht werden, aber wozu muss man schon anfangs Mai im Revier herumballern, um dem Slogan «Zahl vor Wahl» gerecht zu werden,wo doch auch nach der Setzzeit, während welcher das Rehwild die Ruhe ganz besonders schätzt, genügend Zeit bleibt, um uns um sogenannt schlechte Jährlinge zu kümmern? 

 

Da fallen Einwände: Schmalrehe könne man halt nur vor der Zeit der Heuernte genau ansprechen etc. Wo sind wir denn gelandet mit unseren so ausgefeilten Optikgeräten, welche uns bei genügender Sorgfalt auch später nicht führende Geissen klar darzustellen vermögen?

 

Gewiss, es gibt viele Jäger, welche mit grossem Stolz erklären, sie hätten schon in der ersten Maiwoche etliche Hegeabschüsse getätigt. Da haben wir von der alten Sorte aber echt Mühe. Auch wenn unser versierter Jagdaufseher mir bei jeder Begegnung zu verstehen gibt, wir sollen uns endlich anpassen und früh mit dem Rehabschuss beginnen, weil sonst in unserem schwierigen Revier die meisten Jährlinge anderswo ihre Erleger fänden,haben wir es bislang nicht fertig gebracht.

 

Da müssen wohl Jungjäger her, welche noch in frischer Passion ihren Tatendrang zu stillen versuchen und denen der Abschuss von Rehen, allzu oft noch im Winterhaar, dennoch echte Freude bereitet. Viel angenehmer aber wäre es wohl, wenn wir wieder zu gemässigteren Schusszeiten Zugang finden könnten, um unserem Rehwild mehr Ruhe gewähren zu können.  Meine Gedanken sind nicht aus dem Nichts und ohne Erfahrung geboren, vielmehr aus beinahe alljährlichen Begegnungen mit sehr starkem Rehwild im Engadin.

 

Kommen Sie mit!

 

Wieder einmal hat mir der zuständige Jagdaufseher die Möglichkeit eröffnet, in seinem Wirkungskreis, wo er heuer schon zwölf Kitze hat markieren können, eine kleine Chance zu bieten, um ein paar Bilder zu schiessen. Der Morgen war alles andere als einladend, doch nach anfänglich heftigem Regen liess es sich doch besser an, und so pirschten wir durch einen herrlichen Bergwald, wo er einen starken Bock kannte.

 

Seine junge DD-Hündin an der Leine und mich mit der schweren Minolta 600 mm im Schlepptau, ging es mit gelegentlichem leisem Flüstern durch den Lärchenwald, als seine Hündin plötzlich vorstand und bergwärts äugte, wo wie ein Schemen ein starker Bock mich schier erstarren liess. Wie eine Märchengestalt erschien er mir, fast verdeckt durch Föhrenäste, welche ihm wohl den Eindruck vermittelten, wir könnten ihn nicht sehen. Doch etwa nach dem vierten Klick meiner Kamera verschwand er aus meinem Sucher und sprang bergwärts ab.

 

«Das war es dann», meinte mein Begleiter, und wirklich schien er wie vom Erdboden verschwunden. Aber wie wenn er mir eine weitere Chance schenken wollte – oder war es eher die Jagdgöttin, welche wieder einmal einem ergrauten Weidgesellen einen Gefallen tun wollte? – stand der kapital anmutende Hauptbock einen kurzen Augenblick vor uns auf dem Bergweg, wo ich ihn freihändig gerade noch digital zu erfassen vermochte. 

 

Mein Begleiter hatte den wackeren Bock vor gut zwei Jahren markiert und meinte, er würde alles wetten, dass er aufgebrochen gute 25 Kilo auf die Waage bringen würde. Im weiteren Verlauf unserer Fotopirsch begegneten wir zudem noch einem starken Jährling, und später Kitzen und Geissen, welche ebenso deutlich aufzeigen, wie stark das Bergwild wird und wie spannend es für den zuständigen Wildhüter ist, all seine markierten Kitze später eindeutig altersmässig einstufen zu können. Denn wer würde den starken Dreijährigen nicht älter schätzen?

 

Aus früheren Jahren habe ich noch etliche Bergböcke aus dem herrlichen Engadin in meiner Fotosammlung, aber dieser Beitrag ist es doch wohl wert, die Frage aufzuwerfen, wie es denn möglich sein kann, dass solch starkes Wild heranwachsen kann auf über 1800 Meter Höhe, mit starken Wintern und oft mit sehr viel Schnee. Wohl kann auch die Äsung eine Rolle spielen, dazu die starke Sonneneinstrahlung.

 

Doch ich glaube behaupten zu dürfen, dass es die Ruhe ist und der Umstand halt, dass der so genannte Jagddruck dort oben in den Bergen nur drei Wochen anhält. Die Konsequenz der Gedankenfolge sollte doch auch für die Revierjagd einiges an gemässigter Rückkehr zu alten Gepflogenheiten einleiten!

 

Sollten Sie sich in das Problem ein wenig vertiefen wollen, so lesen Sie bitte Jan van Spyks Beitrag in J&N 5/08 noch einmal durch. Seine Wunschvorstellung: Rehbockjagd erst ab 15. August, nicht führende Geissen mit der Kugel ab 1. Oktober und im November Treibjagden. Bei Nichterfüllung einer angemessenen Abschusszahl eine weitere Treibjagd im Dezember.

 

Sein Traum entspricht sehr wohl einer reifen Erfahrung und entspringt einem eher gesättigten Jägerherzen, welches die guten alten Zeiten aus dem Vollen hat geniessen dürfen. Ich gäbe mich schon mit einem Beginn ab 15. Juni zufrieden, weil dann die Mehrzahl  der Geissen gesetzt haben dürften. Die Debatte ist eröffnet.


Weidmannsheil!

 

Autor: PAUL BRUNO ZEHNDER




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