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Biologie und Jagdtechnik - ARTENSCHUTZ

Geglückte Reparatur an der Natur

Vor über hundert Jahren ausgerottet; jetzt wieder Brutvogel in den Schweizer Alpen: Die Wiedereinbürgerung des Bartgeiers kann als erfolgreich bezeichnet werden. Ein freudiges Ereignis für die Natur, vergleichbar mit der seinerzeitigen Wiederansiedlung des Steinbocks!

Der grösste einheimische Vogel, der Bartgeier, pflanzt sich in den Alpen wieder fort.

Dem schwarzen Federbart am Schnabelgrund verdankt der Vogel seinen Namen.

Während der Bartgeier ein wahrer Flugkünstler ist, wirkt er am Boden plump.

Brust- und Bauchgefieder sind rostrot vom Kontakt mit eisenoxydhaltigem Fels.

Bartgeier sind Aasfresser, die sich aber hauptsächlich von Knochen ernähren.

Ein noch junger Bartgeier versucht sich bereits als geschickter Suchflieger.

Kein Beutegreifer: Die Hinterzehen-Kralle ist beim Bartgeier kürzer als beim Adler.

Grosse Knochen wirft der Bartgeier gezielt auf Felsplatten ab, um sie zu portionieren.

Ein Bild mit Seltenheitswert: Bartgeier und Adler (mit Flügelspiegeln) begegnen sich.

Bartgeier im Segelflug; mit seiner Spannweite con 2,7 Metern übertrifft er sogar den Adler.

Bartgeier im Landeanflug mit angestellten Flügeln und gespreiztem Schwanz.

27.10.08 | Die Rückschau ist kein Ruhmesblatt: Der grösste einheimische Vogel wurde, obschon harmloser Aasfresser, als vermeintlicher Räuber verfolgt und ausgerottet. In der Schweiz brütete der Bartgeier zum letzten Mal 1885 bei Vrin im Bündner Oberland, und 1887 fand man im Wallis noch einen vergifteten Vogel. In Deutschland war das letzte Exemplar schon 1855 bei Berchtesgaden erlegt worden. In Österreich erloschen die Brutvorkommen ebenfalls vor der Jahrhundertwende, in den französischen und italienischen Alpen kurz danach. Jetzt, nach dreissig Jahren geduldiger Aufbauarbeit, ist es so weit, dass der Bartgeier wieder in den Schweizer Alpen brütet (vgl. Kurzbericht in J&N 10/08).


Rufmord-Legende

Weil Geier keine aktiven Jäger sind und als Aasfresser immer dort auftauchen, wo der Tod Einzug gehalten hat, und weil die Menschen verschiedener Kulturen ganz unterschiedliche Beziehung zum Tod haben, wurden diese Vögel mal gefürchtet, mal verehrt. Manche Völker betrachteten die Geier als Inbegriff der Gier; das kommt daher, weil sie als Aasfresser, die nicht alle Tage einen gedeckten Tisch vorfinden, sich den grossen Vormagen mit unglaublichen Mengen vollschlagen, wenn sich die Gelegenheit bietet.


Bei den Kulturvölkern des Altertums galt der Bartgeier als Symbol für Unsterblichkeit und Seelenwanderung, und als «Gourral» ist er den tibetanischen Buddhisten heilig. Im ganzen Alpenkamm dagegen wurde er - wissentlich oder unwissentlich - als angeblicher Kindsentführer, Wildräuber und Haustierschreck verketzert und anschliessend ausgerottet.


Der Schimpfname «Lämmergeier» kam auf, weil man den grossen Vogel auf Distanz gelegentlich etwas aus einer Schafherde wegtragen sah. Dass es sich um eine Nachgeburt oder einen toten Foeten handelte, liess sich damals, als es noch keine Feldstecher gab, aus Entfernung nicht ausmachen - und schon war die Rufmord-Legende geboren. Diese Verleumdung hing dem Bartgeier fortan wie Blei an den Fängen; denn Vorurteile sind bekanntlich langlebig.


Von der Ausrottung...

Hauptgrund für das Verschwinden des Bartgeiers aus den Alpen war somit die rücksichtlose Verfolgung durch Jäger und Balgsammler. Selbst damalige Naturforscher halfen mit, nicht überprüfte «Augenzeugenberichte » zu kolportieren, die den Bartgeier als blutrünstiges, den Drachen und Lindwürmern vergleichbares Ungeheuer brandmarkten.


Ein Quäntchen Verständnis kann man wohl aufbringen: Im letzten Jahrhundert war der Respekt vor den Bergen noch gross. Und wenn dann rein zufällig und ohne Angriffsabsicht ein solch mächtiger Vogel mit lautem Sirren im Tiefflug über einen Bergler hinwegfegte (was tatsächlich gelegentlich vorkommt, da Bartgeier gerne tief über die Felsen streichen), dann mag er abends am Herdfeuer sein Erlebnis wohl eher grell-pastell zum Besten gegeben haben...


Gerechtigkeitshalber sei aber auch noch ein anderer Grund erwähnt, der das Verschwinden des Bartgeiers zumindest auch begünstigte: Mitte vorletztes Jahrhundert war das Nahrungsangebot für Aasfresser im Alpenraum schlecht; denn die Wildbestände, vorab das grosse Schalenwild, waren auf dem absoluten Tiefststand, und die extensive Weidewirtschaft war stark rückläufig.


...zur Wiederansiedlung

Als der Schutz des Bartgeiers ein Thema wurde, war es bereits zu spät. Erst das neue ökologische Verständnis machte den Weg frei für ein seriös vorbereitetes Projekt zur Wiedereinbürgerung des verlorenen Alpensohns: Im Mai 1986 wurden im österreichischen Rauristal (Salzburgerland) erste Jungvögel ausgesetzt, ein Jahr später in der französischen Haute-Savoye, dann in Italien und den französischen Meeralpen. Seit 1991 sind auch im Schweizerischen Nationalpark im Engadin gut zwei Dutzend Junggeier in die Freiheit entlassen worden, letztmals deren zwei am 9.Juni 2007, der eine aufgezogen im Schweizer Tierpark Goldau, der andere aus dem Tierpark Berlin stammend.


Insgesamt wurden in den letzten 22 Jahren rund 150 Jungvögel an die Natur zurückgegeben, von denen allerdings nicht alle überlebten. Einige fanden den Tod durch Lawinen, andere flogen in Stromleitungen. Traurigerweise sind auch mutwillige Abschüsse zu beklagen, 1994 am Reschenpass in Südtirol und 1997 in der Schweiz, ob Montana im Wallis. Trotzdem dürften heute gut 130 Bartgeier über den Alpen kreisen. Natürlich wurden nur in Gehegen aufgezogene Jungvögel ausgesetzt, was bei dieser Tierart machbar ist (im Gegensatz zu den meisten anderen gefährdeten Spezies, speziell unter den Säugetieren). Auch bezüglich Akzeptanz hat es ein Aasfresser einfacher als ein den Menschen konkurrenzierender Raubjäger.

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