18.12.09 | Wie kam es dazu, dass Zernez zu Beginn des 20. Jahrhunderts als erste Gemeinde Europas Parkverhandlungen führte? Domenic Toutsch, Zernezer Gemeindepräsident, zeigte sich überzeugt, dass die damaligen Pioniere die Gunst der Stunde richtig einschätzten und einen nachhaltigen Beitrag zum Schutz dieser einzigartigen Landschaft leisten wollten. Doch auch wirtschaftlich hätte sich dieser Mut ausgezahlt: Der Schweizerische Nationalpark (SNP) sei zum wichtigsten Angebot im touristischen Bereich geworden. Die Gemeinde zählte damals 596 Einwohner, heute sind es doppelt so viele. Trotzdem, auch in der Geschichte zwischen Zernez und dem Nationalpark gab es Rückschläge. Er erinnerte an die gescheiterte Abstimmung zur Parkerweiterung im Jahr 2000. Doch kurz darauf haben sich die beiden Partner wieder versöhnt: Mit dem Bau des neuen Nationalparkzentrums gelang ein wichtiges gemeinsames Projekt, das die Bande wieder gestärkt habe.
Zernez als europäische Pioniergemeinde
Robert Giacometti, 11. Präsident der Eidgenössischen Nationalpark-Kommission und erster Einheimischer in diesem Amt, würdigte Zernez als eigentliche Pioniergemeinde. Ohne die Partnerschaft mit den Gemeinden gäbe es keinen Nationalpark. Doch Pioniere brauche es auch heute. Menschen, die ihrer Zeit voraus sind. Pioniergeist hat die Gemeinde Zernez gemäss Giacometti nicht nur bei der Parkgründung bewiesen, sondern auch bei der Übergabe der Schlossliegenschaft an den Nationalpark und der damit ermöglichten Realisierung des neuen Nationalparkzentrums.
Landeigentümerin ist die Bürgergemeinde. Deren Präsident, Max Filli, setzte sich mit der Frage auseinander, wie es damals zu einem solch pionierhaften Entscheid kommen konnte. Die Bedingungen waren: Der Pachtzins müsse auf 1500 Franken pro Jahr erhöht werden, allfällige Schadbären seien zu erlegen und ein guter Fussweg in die Val Cluozza zu erstellen. Ob die wirtschaftlichen Aussichten oder die schmeichelhafte Rolle als Pioniergemeinde die ausschlaggebenden Faktoren waren, liess Filli dahingestellt.
Offizielles Jubiläum «100 Jahre SNP» im 2014
Der Hauptreferent des Abends, Dr. Patrick Kupper, Historiker an der ETH Zürich, untersucht seit mehreren Jahren die Geschichte des ersten Nationalparks der Alpen. Der von Dr. Paul Sarasin, dem Präsidenten der Naturschutz-Kommission und von Rudolf Bezzola, Gemeindepräsident von Zernez unterzeichnete Vertrag sei sehr geschickt und in weiser Voraussicht abgefasst worden. So war bereits die Möglichkeit der Übernahme des Vertrags durch die Eidgenossenschaft erwähnt, was 5 Jahre später auch geschah. Aus diesem Grund gilt der 1. August 1914 als Gründungsdatum des SNP. Entsprechend wird 2014 zum eigentlichen Jubiläumsjahr mit zahlreichen Attraktionen werden.
Kupper ging in seinem Vortrag auf weitere Eigenarten des Vertrags ein. Zwei Tierarten wurden im Vertrag genannt: Bären und Steinböcke. Für durch Bären verursachte Schäden sollte die Kommission haftbar gemacht werden. Auch sollte sie für den Schutz der später allenfalls angesiedelten Steinböcke sorgen. Die schliesslich vereinbarten 1400 Franken Pachtzins bedeuteten im Vergleich zu den früher durch Verpachtung der Weideflächen erzielten Erträge mindestens eine Verdoppelung.
Plötzlich ging alles sehr rasch
Die Schweizerische Naturschutz-Kommission wurde 1906 gegründet. Die Gruppierung hatte sich unter anderem zum Ziel gesetzt, in der Schweiz ein Grossschutzgebiet zu schaffen. Einer der Initianten war Prof. Carl Schröter (1855-1939). Er lehrte an der ETH Zürich und liebäugelte mit der Val S-charl und dem God da Tamangur. Bereits 1902 besuchte er mit dem Eidgenössischen Forstinspektor Johann Coaz das Gebiet in S-charl. 1906 wurde die Idee offiziell lanciert. Paul Sarasin, Präsident der Kommission, reiste 1908 nach S-charl und schaute sich das Gebiet vor Ort an. Unterwegs traf er den einheimischen Wissenschafter Steivan Brunies. Dieser machte Sarasin auf die Val Cluozza aufmerksam und sprach in seinem Gutachten der Val Cluozza besondere Qualitäten zu: «Wildnis (...) wie aufgespart geblieben für eine Reservation».
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