25.01.10 | Im Nordosten der Mongolei, nahe der Grenze zu Russland bzw. Sibirien, lebt ein alter Mann aus der Volksgruppe der Burjaten. Sein Name ist Zundui Dawak. Die Burjaten stellen eine Minderheit innerhalb der mongolischen Bevölkerung dar, die im äussersten Norden des Landes leben. Ihre Heimat waren ursprünglich die Gebiete um den Baikalsee. Die Wirren in der Zeit nach der Oktoberrevolution in Russland 1917 und der stalinistischen Umwälzungen bis Mitte der Fünfzigerjahre bewirkten jedoch auch unter den Burjaten grosse Umsiedlungen. Wir, mein mongolischer Fahrer Suchee, mein Dolmetscher Battulga und ich, trafen Zundui Dawak Anfang Juni 2009 in der Nähe des Sums Dadal, dem vermutlichen Geburtsort des grossen mongolischen Feldherrn Dschingis Khan. Es hatte an diesem Tag Anfang Juni sehr stark geschneit, und es war für diese Jahreszeit ausserordentlich kalt. Später erfuhren wir, dass bei diesem Wintereinbruch im äussersten Norden der Mongolei hunderttausende Weidetiere (Ziegen und Schafe) erfroren waren, da sie zum Teil Anfang Juni bereits geschoren worden waren.
Als Sum wird eine kleine Siedlung bezeichnet, in der die Nomaden Benzin, Mehl, Zucker, Salz und sonstige Sachen für das tägliche Leben kaufen können. Zundui Dawak wohnt, wie es bei den Burjaten in der Mongolei üblich ist, in einem Holzhaus. Diese sibirischen Holzhäuser sind für den Rest der Mongolei eigentlich gänzlich unüblich. Man findet sie eben nur in den Burjaten-Siedlungen. Es gibt aber auch durchaus Burjaten, die mit einem Ger, der traditionellen mongolischen Jurte, als Nomaden durchs Land ziehen.
Der alte Mann empfing uns sehr freundlich und machte uns umgehend klar, dass es ihm eine ausserordentliche Ehre sei, ausländische Besucher in seinen vier Wänden begrüssen zu dürfen. Dabei machte er auch keinen Hehl daraus, dass er sehr stolz auf Dschingis Khan sei, der nicht nur hier, in der Nähe seines vermuteten Geburtsortes, sondern überall im Gebiet der Mongolei präsent scheint. Durch diese Haltung gegenüber dem Staatsgründer unterschied sich unser Gastgeber überhaupt nicht von anderen Mongolen. Auf die Frage nach seinem Alter antwortete Zundui Dawak ganz diplomatisch und teilte uns mit, dass er über 90 Jahre alt sei. Wir erfuhren später, dass es Unglück für den greisen Mann bringen würde, in so einem fortgeschrittenen Alter die genaue Jahreszahl offen zu benennen. Ein anderer Grund hierfür könnte aber auch sein, dass er seinen genauen Geburtstermin schlichtweg nicht wusste.
Zundui Dawak war sein ganzes Leben lang Jäger und hat von seiner Jagd auch gelebt. Er jagte nicht nur an seinem Heimatort, sondern er bereiste die ganze Mongolei und hatte jegliche Tierarten des Landes vor seiner Waffe. Selbst die scheuen Argali-Schafe im mongolischen Altai-Gebirge und die Steinböcke hatte er als Beutetiere geschossen. Seine letzte Pirsch unternahm er im Alter von 75 Jahren. Zundui Dawak wollte noch einmal einen kapitalen Bären erlegen. Er meinte etwas verschmitzt, als er uns die Geschichte erzählte, er hätte dann erst gemerkt, dass er alt geworden sei, als er den Bären nicht mehr aus dem Wald nach Hause bringen konnte. Zudem hatte der alte Mann auch Probleme mit seinem Seh- und Hörvermögen. Seine Sinne, auf die er sich sein ganzes Leben zu 100 Prozent verlassen konnte, liessen ihn nun doch langsam im Stich, wie auch wir bei unserem Gespräch mit ihm schmerzlich bemerken mussten.
Auf die Frage, was ihm nun mit seinem vorgerückten Alter noch wichtig sei, meinte er, es sei ihm jetzt ein Anliegen, seine Erfahrungen und die Freude an der Natur an die jüngere Generation weiterzugeben. Gerade die Erkenntnis der Notwendigkeit und damit das Bedürfnis, seine Umwelt zu schützen und die Faszination über die Tierwelt in seiner mongolischen Heimat sei für ihn Motivation, diese Einstellung an die kommende, heranwachsende Generation weiterzugeben. Zu diesem Zweck hat er eine ebenso beachtliche als auch sehr skurrile Sammlung aller möglichen Beutetiere in einer extra dafür errichteten Hütte zu Ausstellungszwecken zusammengetragen. Man vermutet in dieser Hütte keine solch umfassende Sammlung an Beutetieren, die hier alle als Präparate auf Besucher warten. Sein Jagdwerkzeug, mit dem er alle diese Tiere früher gejagt hatte war ein alter, vermutlich russischer Vorderlader aus dem 17. Jahrhundert. Mit diesem Gewehr musste er sehr nah an die Beute heranpirschen, da die Reichweite sehr begrenzt war. Als zweite Waffe benutzte er eine Wentow (russisches Militärgewehr). Beide Waffen befinden sich nicht mehr in seinem Besitz. Er hatte sie, da er ja nicht mehr aktiv auf Tiere schiesst, vorzeitig anderen Jägern vermacht.
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