19.12.08 | Der Anlass erfreute sich eines aussergewöhnlichen Aufgebots an christlicher Geistlichkeit, nämlich Hanspeter Imobersteg, reformierter Meiringer Pfarrer, als «Gastgeber », sein evangelisch-methodistischer Amtskollege aus Meiringen, Pfarrer Ernst Schär, und Dirk Günther, römisch-katholischer Pfarramtsleiter aus Lungern. Dieser war schon vor einem Jahr mit dabei.
Den klangvollen Rahmen setzten die beiden Jagdhornbläsergruppen Obwalden und Oberhasli, das Jägerchörli des Jagdvereins Oberhasli und die neu hinzu gekommenen Klänge eines Waldhorns als Vertretung für das sonst gewohnte Orgelspiel. Das Waldhorn blies Hans Künzler aus Meiringen.
Nach dem von beiden Gruppen feierlich geblasenen «Introitus» und mit der fast familiär anmutenden Taufe der kleinen Selina, übrigens Tochter eines Oberhasler Jagdhornbläsers und Sängers durch Pfarrer Imobersteg, ist die christliche Gemeinschaft um ein Mitglied gewachsen, und das vor den Augen dreier Pfarrer. Dreier Kirchen?
Jawohl! Aber unter einem christlichen Glauben. Sie praktizieren Ökumene, sind bereit, unterschiedliche christliche Auffassungen unter dem grossen Dach der Gesamtheit der Christen zu sehen und zu tolerieren, damit es später der kleinen Selina nicht so ergeht, wie jenem Jungen in der gleichnishaften, rabenschwarzen Geschichte, der eine Dame nach dem Weg fragt. Diese mustert ihn von oben bis unten und verlangt erst einmal, dass der Junge die Hände aus den Hosentaschen nimmt, bevor er mit einer Dame spricht, die Mütze vom Kopf zieht und sich die Nase putzt. Der Junge sagt, dann verirre er sich lieber und geht weg, ohne den richtigen Weg erfahren zu haben: Lieber herumirren, als sich ständigen Nörgeleien, Wichtigtuereien auszusetzen, womöglich noch das eigene Wertgefühl beim Hürdenlauf über lauter aufgebauten Barrieren zu verlieren!
Wenn eine geputzte Nase wichtiger wird, als einem ratsuchenden Menschen den richtigen Weg zu weisen, wenn Normen um ihrer selbst willen vergöttert werden, sich von ihrem Boden zu lösen beginnen, fast Eigenständigkeit gewinnen und dadurch den Blick aufs Wesentliche versperren, wundert es nicht, wenn die Vor-den- Kopf-Gestossenen ihren Gott, ihr Heil ausserhalb der Kirche suchen.
Was macht eine Kirche ohne ihre Mitglieder? Sie zelebriert sich selber und merkt es nicht einmal oder will es nicht wahrhaben!
Wer ist denn für wen da? Wir für die Kirche oder die Kirche für uns?, fragte Pfarrer Günther in seiner tiefgründigen Predigt, und er sparte nicht mit Beispielen unsinniger Gängelei im täglichen Leben oder auch seitens der Kirche, wenn jede freie Entfaltung, aber auch Barmherzigkeit mit einem Mitmenschen unter Bergen von Normen, Erlassen, Verordnungen, Regeln, Riten und Gesetzen zu erliegen droht.
Dazu das von Pfarrer Schär vorgetragene, sehr schöne Beispiel aus dem Matthäus-Evangelium, bei dem es um die Frage ging, ob am Sabbat heilende Handlungen ausgeübt werden dürfen oder ob das Primat der Gesetze um jeden Preis besteht. Jesus sprach Klartext mit einem uneinsichtigen Pharisäer, dass es keine Gesetzestreue um jeden Preis gäbe, dass man sich manchmal über bestehende Normen hinwegsetzen müsse, wenn es um den Schutz eines höherwertigen Gutes, hier die Heilung, ginge. Ein Credo gegen Engstirnigkeit und Verbohrtheit!
Gsesch die Blume wie si strahled i de Farbe, lueg die Pracht! So schön chan nu eine male, üse Herrgott, wo’s hät gmacht.
In diesen schlichten Worten des vom Jägerchörli gesungenen Liedes «Am Morge» liegt die ganze Ehrfurcht vor der Schöpfung und vor dem, der es gemacht hat. Das ist entscheidend, Rückbesinnung auf das Wesentliche in unserem Glauben, damit es uns eines Tages nicht passiert, dass wir den Wald bald nicht mehr vor lauter Bäumen sehen!
Wir sind die Schöpfung: Pflanzen, Menschen und die Tiere. Wir alle sind Teil des Ganzen. Mensch und Tier wurden am selben Tag erschaffen. Warum sprechen wir dann nicht auch die selbe Sprache? Wir sollen unsere Mitgeschöpfe nicht mit Worten verstehen, sondern mit dem Herzen! Wir sollen begreifen, dass sie die gleiche Berechtigung zum Leben haben wie wir. Bedenken wir das auch? Die Verpflichtung dazu hätten wir!
«Offertorium» (Darbringung) spielte die Bläsergruppe aus Ob - walden, und mit dem «Jäger aus Kurpfalz» begleiteten die Oberhasler Jagdhornbläser das Jägerchörli, das dann noch den «Jäger in dem grünen Wald» besang. Mit den Klängen des von beiden Jagdhornbläsergruppen gespielten «Alpenjägers » endete dieser denkwürdige Gottesdienst. Beim Apéro, spendiert vom Jagdverein Oberhasli, von der Kirchgemeinde Meiringen und der Garage Wenger, Interlaken, gings weiter mit Jagdgesang und Hörnerklang - und tüchtigem Schmausen, vom Gläserklang ganz zu schweigen.
Autorin: Gisela Straub