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Sammelplatz - Störung von Wildtieren

Wie viel Mensch ertragen Wildtiere?

Theorien und Fakten zum Thema Störung waren das Thema der Lysser Wildtiertage 2009. Es wurde diskutiert über den Einfluss von menschlichen Aktivitäten auf die Wildtiere und Massnahmen für den Schutz und das Management der Wildtiere.

Eine von ca. fünfzig Nutzungsarten in den Alpen: Gletscherfliegerei.

Ein Störfaktor der leiseren Art: Pilzsucher.

18.12.09 | Die Lysser Wildtiertage bilden ein wichtiges Podium für Forscher und Praktiker im Bereich der Wildtierkunde und des Artenschutzes. Der zweitägige Anlass wird von der Schweizerischen Gesellschaft für Wildtierbiologie (SGW) und der Sektion Jagd, Wildtiere & Waldbiodiversität des Bundesamts für Umwelt (BAFU) organisiert. Dieses Jahr war ein ganzer Tag der Problematik der «Störung von Wildtieren durch den Menschen» gewidmet. Laut den Organisatoren ist und bleibt das Thema hochaktuell: Die Freizeitaktivitäten draussen in der Natur, im Lebensraum der Wildtiere, boomen. Dabei werden immer mehr Sportarten (zum Beispiel Freeriden, Schneeschuhwandern oder Speedflying) abseits der Wege ausgeübt. Gleichzeitig nimmt auch die Dichte des Strassen-, Weg- und Routennetzes zu. Damit erhöht sich der Druck auf die Wildtiere. 


Störungen im Revier 

Die Tagung widmete sich also einer Problematik, die sich in jedem Jagdrevier seit Langem stellt. Hier geht es vorab um Freizeitaktivitäten und allgemeine Sportaktivitäten. Per Gesetz wurde zwar die Zugänglichkeit auf Waldstrassen eingeschränkt, doch verbleiben die verschiedensten Störeinflüsse, weil sich der Mensch in der Natur oft nicht nach Wunsch verhält. Wildtiere sind vor allem tagsüber auch in den Ruhegebieten fast überall den Immissionen des Freizeitbetriebs ausgesetzt: Lärm von Picknickplätzen, nicht angeleinte Hunde, Biker ausserhalb der markierten Wege, Pilz- und Beerensammler, Orientierungsläufe und weiteres mehr. Umfragen in den Revieren verschiedener Kantone haben ergeben, dass mehr als 20 solcher Aktivitäten als dauernd störend eingeschätzt werden. Störungsbedingte Stressreaktionen bei Schalenwildarten äussern sich unter anderem in zunehmenden Wildschäden, wie bspw. eine Erhebung im Kanton Appenzell gezeigt hat. Die Auswirkungen menschlicher Einflüsse auf Wildtiere wurden nie ausreichend untersucht, so dass  in mühsamer Forschungsarbeit die Zusammenhänge zwischen «Störung» und Wildtieren geklärt werden müssen, um die offenen Fragen anhand von Fakten beantworten zu können. Interessant sind nicht nur die tatsächlichen negativen Auswirkungen auf einzelne Tierarten, sondern auch die Gewöhnung der Wildtiere an Störungen.


Störung bedeutet Stress

Ob man im Einzelnen die Bedeutung von Störfaktoren beziffern kann oder nicht – Störungen bewirken Stress, und Stress kann sich negativ auf Wildtierarten auswirken. Prof. Dr. Rupert Palme befasste sich in seinen Ausführungen mit den Möglichkeiten zur Erforschung von Stress bei Wildtieren. Er arbeitet an der Veterinärmedizinischen Universität in Wien. Mit seinem Team entwickelte er weltweit die erste non-invasive Methode zur Untersuchung von Stressbelastungen. Diese Methode wird heute in vielen Studien an Vögeln und Säugetieren erfolgreich angewandt. Bei Stress werden von der Nebennierenrinde vermehrt Glukokortikoide freigesetzt, um dem Organismus zu helfen, mit der Stresssituation fertig zu werden. Die Konzentration dieser «Stresshormone» im Blut wird unter anderem zur Beurteilung von Belastungen herangezogen. Glukokortikoide werden nach ihrem Abbau durch die Leber auch über den Kot ausgeschieden. Die Bestimmung dieser Metaboliten in Kotproben, die einfach zu gewinnen sind, hat sich dabei als geeignete und schonende Methode erwiesen, die bei verschiedenen Säugetier- und Vogelarten bereits erfolgreich eingesetzt wurde. Stressuntersuchungen sind für Fragen der Arterhaltung («Conservation Biology») und der Landschaftsnutzung durch den Menschen von grosser Bedeutung. Aufgrund der Stressreaktionen bei Wildtieren können gezielte Massnahmen gegen die wichtigsten Störfaktoren getroffen werden.  


Wintersport schadet dem  Birkhuhn

Ein Tagungsbeitrag beleuchtete die direkten und indirekten Auswirkungen des Tourismus in den Alpen. Dr. Patrick Patthey arbeitet am Institut für Ökologie und Evolution der Universität Bern. In seinem Referat wies er nach, dass Birkhuhnbestände durch den Wintersport beeinträchtigt werden. In Skigebieten sind die Bestände um 49% kleiner als in nicht erschlossenen Gebieten. Am Rande der Skigebiete liegt die Einbusse bei 18%. Der Einfluss von Skiliften ist bis auf eine Entfernung von 1500 Metern nachweisbar. In den Walliser- und Waadtländeralpen sind 44% der Birkhuhnvorkommen wegen Skisporteinrichtungen geschwächt. 


Mittels Luftaufnahmen wurden die hauptsächlichen Konfliktzonen bezüglich der Ansprüche des Birkhuhns im Winter gegenüber den Sportaktivitäten flächenscharf bestimmt. Hier drängen sich spezifische Ruhezonen auf, welche in Zusammenarbeit mit dem Tourismus  auszuscheiden sind. Ruhezonen lassen sich rechtfertigen, da das Birkhuhn im Winter an der Grenze seiner Widerstandsfähigkeit lebt. Die Art legt keine Fettreserven an und muss sich mit schmaler pflanzlicher Kost begnügen, welche sie aus Schnee und Eis scharrt oder auf Bäumen findet. Jeder durch Störung ausgelöste Flug führt zu Energieverlust, welcher durch vermehrte kräfteraubende Nahrungssuche kompensiert werden muss. Die Flugbewegungen erhöhen den Stress beträchtlich; Stress vermindert die Widerstandsfähigkeit der Tiere und letztlich ihre Überlebenschancen bzw. die Fortpflanzungskapazität. Winter-Ruhezonen, welche auch anderen Arten dienen, sind somit wichtig, sollten klar signalisiert und publiziert sein. Eine indirekte Auswirkung des Sommer- und Wintertourismus ist die unbeabsichtigte Förderung der Bestände von Krähenarten in Berglagen. Krähen werden angezogen durch Bergrestaurants, Picknickstellen und Spuren von Wanderern. Daraus ergibt sich nachweislich eine verstärkte Prädation auf Birkhuhnnester. Gäste sollten darum angehalten werden, keine Abfälle wegzuwerfen. Es sind geschlossene Mülleimer zu verwenden. Ein Einfluss der Jagd konnte bisher nicht gefunden werden. Lokal könnte sie eine Rolle spielen, wenn die Balzplätze schon verschiedensten Störungen ausgesetzt sind.


Tourismus und Wild-Praxis braucht Forschung

Prof. Dr. Paul Ingold war bis 2004 Leiter der Arbeitsgruppe Ethologie und Naturschutz des Zoologischen Instituts der Universität Bern. Er hat sich viele Jahre mit dem Thema «Freizeitaktivitäten – Wildtiere» beschäftigt und 2005 das bei Haupt, Bern, erschienene Buch «Freizeitaktivitäten im Lebensraum der Alpentiere» herausgegeben. In den langjährigen Untersuchungen zum Einfluss von Freizeitaktivitäten auf Wildtiere wurden bei den Zielarten Steinbock, Gämse, Murmeltier und Alpenschneehuhn Aspekte auf unterschiedlichen Ebenen berücksichtigt wie zum Beispiel: unmittelbare Reaktionen, RaumZeit-Verhalten, Soziales oder populationsdynamische Parameter. Die Ergebnisse dieser Studien sind für den Schutz der Wildtiere in verschiedener Hinsicht relevant: Sie liefern Grundlagen zur Beurteilung der Wirkung von Aktivitäten wie Gleitschirmfliegen und Wandern, aber ebenso Grundlagen für Verhaltensregeln und konkrete Hinweise für Schutzmassnahmen. Die Ergebnisse sind wichtig für das Verständnis des Problems «Störung» sowohl hinsichtlich des Verhaltens des Menschen als auch der Tiere selbst. Das Alter und Geschlecht der Wildtiere, die tageszeitliche und saisonale Aktivität, soziale Komponenten sowie das Umfeld spielen eine Rolle. Mit anderen Worten handelt es sich in aller Regel um komplexe Fragen, weshalb der Begriff «Störung» nicht pauschal verwendet werden soll. Wirksame Lenkungsmassnahmen, wie die Ausscheidung von Vorranggebieten, Vorgaben für eine wildtierschonende Verkehrserschliessung sowie die Platzierung touristisch attraktiver Angebote setzen voraus, dass die Bedeutung einer Störquelle und die Reaktionen betroffener Wildtierarten bekannt sind. Mit entsprechend konkreten Informationen kann die Öffentlichkeit dafür gewonnen werden, die Auflagen für den Tourismus zu verstehen und die Regeln einzuhalten.


Weshalb lassen sich  Wildtiere stören?

Einen anregenden Überblick zur Problematik der «Störungen» lieferte Prof. Dr. Ilse Storch von der Universität Freiburg i. Breisgau. «Störungen» zählen nach ihrer Erfahrung mittlerweile zu den am häufigsten genannten Ursachen für die Gefährdung von Wildtieren. Zumeist sind damit Einflüsse menschlicher Aktivitäten gemeint, in der Überzeugung, dass die Nähe von Menschen bei Wildtieren Stress auslöst. Studien belegen Effekte von der kurzfristigen Verhaltensänderung bis zur langfristigen Meidung eines ansonsten geeigneten Gebiets, und vom reduzierten Reproduktionserfolg bis zum Rückgang und Verschwinden eines lokalen Vorkommens. Grundsätzlich geht man davon aus, dass Wildtiere menschenscheu sind. Man weiss andererseits, dass tierisches Verhalten plastisch ist und auch größere und als scheu bekannte Wildtiere sich gegenüber Menschen durchaus vertraut zeigen können. Vertrautere Wildtiere sind die Regel, wo der Mensch ihnen nicht nachstellt, so bspw. in Schutzgebieten. Es hat viel mit der Jagd zu tun, ob Tiere Menschen als Gefahr sehen. Wo stark bejagt wird, ist die Fluchtdistanz auch «harmlosen» Touristen gegenüber gross. Bei Arten mit einer langen Bejagungsgeschichte ist anzunehmen, dass eine erhöhte Vorsicht Menschen gegenüber genetisch verankert ist. Auch solche Arten zeigen jedoch immer noch viel Spielraum für individuelles Lernen, denn Tiere sind in der Lage, räumlich-zeitlich zu differenzieren. Menschennähe kann für einzelne Arten attraktiv sein, wenn sie ein geringeres Prädationsrisiko durch natürliche Feinde mit sich bringt. Wildtiere reagieren auf «Störreize» wie auf ein Prädationsrisiko. Menschen im Wildtierlebensraum wirken nicht nur als potenzielle «Störung» einzelner Arten, sondern beeinflussen ebenso die Wechselwirkungen in Artengemeinschaften und ihren Lebensräumen. Jedenfalls machen vertiefte Überlegungen deutlich, dass die Gleichung «Mensch = Störung» zu kurz greift.


Autor: Hans Peter Pfister

Vereinsnachrichten

An dieser Stelle publizieren wir neu Nachrichten aus den Jagdvereinen als Ergänzung zum "Sammelplatz".

 

News für Jäger

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Ausgabe 08/2010

 

 

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