25.01.10 | Der mysteriösen Lungenentzündung im Raum Alpstein fielen Ende 2007/Anfang 2008 über 100 Gämsen auf St. Galler Seite zum Opfer. Die Gämsblindheit forderte zusammen mit dem benachbarten Bündnerland bisher etwa 200 Tiere. (Diese Zahlen beziehen sich auf tatsächliche Fallwild-Funde von eingegangenen Tieren und erlegter kranker Tiere).
Aus diesem eigentlich unerfreulichen Anlass organisierte die Jägervereinigung Sarganserland einen jagdlichen Vortragsabend zu diesem Thema mit den beiden Wildhütern Urs Büchler und Rolf Wildhaber. Die beiden Wildhüter konnten in ihren Gebieten die Krankheiten aus nächster Nähe mitverfolgen. Der Verlauf wurde dadurch auch chronologisch gut dokumentiert.
Mysteriöse Lungenentzündung
Der Lungenentzündung kam man aufgrund von vermehrten Fallwild-Funden auf die Spur. Anfänglich vermutete man noch die Gämsblindheit, weil den eingegangenen Tieren die Lichter (Augen) fehlten; diese waren jedoch von Vögeln wohl noch am lebenden Tier ausgehackt worden. Neben vermehrten FallwildFunden wurden dann auch viele geschwächte, stark abgemagerte Tiere beobachtet, die husteten. Eine weitere Feststellung war zudem, dass sich die schwachen Gämsen in der Regel von ihrem Rudel absonderten. Nun wurden diese Tiere genauer untersucht.
Die Resultate zeitigten eine eitrige Lungenentzündung, die einherging mit einer Hirnhautentzündung. Die Lungen waren derart verhärtet und eitrig, dass sie sich nie mehr erholen hätten können. Wie Wildhüter Büchler weiter ausführte, wurden bei den Untersuchungen verschiedene Krankheitserreger festgestellt. Diese finden sich aber auch bei gesunden Tieren, führte er weiter aus. Weshalb die Krankheit also ausbrach, kann nur vermutet werden. Vermutet werden deshalb äussere Faktoren, die das Immunsystem mitschwächten. Insgesamt hat eine Dezimierung von etwa 40% des Bestandes stattgefunden. Auch im appenzellischen Nachbargebiet soll der Verlust so hoch gewesen sein. Zurzeit laufen noch weitere Projekte zur Erforschung dieser Krankheit.
Gämsblindheit zieht vorwärts
Die Gämsblindheit, deren Ursprung Ende 2006 bei Chur lag, lässt die Gämse komplett erblinden. Als Hauptreservoir des Erregers (Mycoplasma cojunctivae) gilt erwiesenermassen das Schaf. Eine von Gämsblindheit betroffene Gämse kann sich durchsiechen und die zwischenzeitlich verlorene Sehkraft komplett wiedererlangen (dieser eigentliche Krankheitsverlauf dauert ca. 3 Wochen). Dies aber nur, wenn es sich (unterdessen blind) nicht lebensbedrohlich verletzt (ein Knochenbruch ist meistens schon lebensbedrohlich), über eine Klippe zu Tode stürzt und oder dann vor Erschöpfung eingeht. Beim schwersten Verlauf verliert die Gämse ihre Lichter (Augen) ganz; d.h. die Bindehaut reisst auf und der Augapfel läuft komplett aus. Dies bedeutet logischerweise den sicheren Tod des Tieres.
Die Krankheit Gämsblindheit ist im Gäms-Rudel hoch an steckend. Die Blindheit kann je doch je nach dem mild verlaufen. Es erblinden dann nur einzelne Tiere. Bei den anderen ist der Erreger zwar auch vorhanden, aber er vermag nicht durch die Bindehaut des Auges zu dringen und die Krankheit auszulösen.
Verläuft die Krankheit hingegen aggressiv, wird das halbe Rudel blind. Schlimmstenfalls wird ein so befallenes Rudel bis zu 40% dezimiert. Meistens springt anschliessend die Gämsblindheit weiter ins nächste Tal über und wütet dort weiter. Die bisher letzten Fälle dieses Seuchenzuges mit Ausgang Chur wurden im August 2009 im Murgtal festgestellt. Auch der Raum Flims war stark betroffen. Ein Übertritt ins Glarnerland wurde von der dortigen Wildhut auch schon festgestellt.
Vorsichtige Bejagung
Tritt einmal die Gämsblindheit auf, kann die Jagd nur noch reagieren. Die Ansteckung erfolgt bereits, bevor sie der Jäger erkennen kann. Um die Bestände nicht noch weiter zu reduzieren, sollte sich die Bejagung, wie Rolf Wildhaber erklärte, hauptsächlich auf die kranken Tiere konzentrieren. Dabei muss darauf geachtet werden, dass man die Tiere nicht noch weit herumscheucht, wo sie weitere Tiere anstecken könnten. Die relativ gut bekannte Gämsblindheit tritt zyklisch alle 10-20 Jahre auf. Im Raum Alpstein wird nun nur noch leicht bejagt, damit sich die eingebrochenen Bestände wieder erholen können.
Autor: Erich Kressig jun.